Kölner Stadtanzeiger 7.März 2019

LITERATUR   Nordwest Zeitung, Oldenburg

Aus alten Briefen pralle Familiengeschichte destilliert

Martina E. Siems-Dahle veröffentlicht Buch – Korrespondenz der Eltern durchgearbeitet

Klaus Fricke

 

OLDENBURG Es heißt, man bleibe Tochter oder Sohn seiner Eltern, egal wie alt man ist. Ein Eltern-Kind-Verhältnis bestehe lebenslang, Entkommen unmöglich. Martina E. Siems-Dahle hat da weiter gehende Erfahrungen gemacht: Sie hat entdeckt, dass elterliche Erziehungsvorstellungen auch über den Tod hinaus fortbestehen. In einem sehr persönlichen Buch erzählt sie von diesen Erfahrungen, indem sie ihre Eltern „sprechen“ lässt.

 

In Wechloy aufgewachsen

Martina E. Siems-Dahle, Journalistin und ehemalige Tänzerin am Oldenburgischen Staatstheater, die vor über 30 Jahren ihren Heimatstadtteil Wechloy verließ und heute mit ihrer Familie in Köln lebt, hatte 2008, nach dem Tod ihrer Mutter, deren Nachlass gesichtet und war auf einen Schatz der besonderen Art gestoßen: Hunderte von Briefen, Notizen und Gedichten, ordentlich abgeheftet und zurückweisend bis auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, lagerten da in alten Akten. Nach einigen Jahren des Durcharbeitens und Bewertens hat Siems-Dahle (Jahrgang 1958) aus den Dokumenten nun ein Buch gemacht: „Briefe lügen nicht. Wie wir wirklich waren. Eine Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts“ heißt ihr biografischer Roman.

Greifbare Nähe entsteht

Es ist eine Oldenburger Familiengeschichte der besonderen, vor allem der sehr ins Private reichenden Art. Im Wechsel von eigener Erzählung, Anekdoten und langen Zitaten aus den überlieferten Briefen schildert die Autorin, was drei Generationen taten, dachten und fühlten, aber auch wie sie die Zeit, in der sie lebten, bewerteten.

Auf diese Weise entsteht für den Leser eine fast greifbare Nähe zu einer Oldenburger Familie, die Höhen und Tiefen erlebt hat wie so viele andere auch – mit dem Unterschied, dass ihre Erlebnisse der Nachwelt dank schriftlicher Zeugnisse erhalten bleiben. Da geht es um die Korrespondenz von Großvater und Vater, um das Leben im Nationalsozialismus, um Briefe ihrer späteren Mutter an Soldaten an der Front, aber auch um typische 70er-Jahre-Debatten zwischen der pubertierenden „Tini“ und ihren Eltern, einschließlich vieler Verweise auf die Oldenburger Szene jener Tage.

© 2013 Siems-Dahle